5/14/2015

Trendernährung : Essgestört ?


Fast jedes Mal, wenn ich mich auf Facebook einlogge kommt einer dieser Einträge :
"Max Müller gefällt ein Bild. (x-beliebiges Bild eines vollbusigen, aber dünnen Models mit Sixpack)" oder "Maria Müller ist heute mit (x-beliebige Sportapp) 8,9km gelaufen."
Genervt scrolle ich weiter oder will meinen Instagram-Feed checken, aber auch da verfolgen mich Essens- und Fitnesseinträge.
Person X mit Sportbustier im Fitnessstudio. Oder Person Y hat heut wieder nur eine Tomatensuppe zum Mittag gegessen. Hat dabei aber natürlich nicht die Hashtags #healthy #eatclean #foodporn vergessen. Ich meine, mal ehrlich... Eine wässrige Tomatensuppe zum Mittag?! Kenne ich nur aus tiefsten Essstöruingsvergangenheit. Heute würde mich das nicht mehr satt machen. Und #healthy ist das ja schonmal gar nicht.
Der Trend geht hin zur Körperoptimierung bis zur Perfektion. Die es, sehen wir es mal realistisch, gar nicht gibt.
Die beliebtesten Essens-Blogs haben meist vegane, glutenfreie, rohe, fett- und kohlenhydratfreie Rezepte. Natürlich gepaart mit ein paar Artikeln zu Fitness und ihren täglichen Workout-Routinen.
Ich muss ganz ehrlich sein, wenn ich mir die Mädels mancher, sogar recht großes, Fitnessblogs oder Instragramaccounts ansehe, erschrecke ich mich. Nicht nur, weil die Mädels aussehen wie ich, als meine Herzfrequenz schon nicht mehr gesund war und meine Periode schon monatelang ausblieb, sondern weil sie es als ultimatives Schönheitsideal darstellen und beglückwünscht werden, wenn sie ihre 20km nach einer kleinen Schale Obstsalat mit ein paar Krümeln Müsli absolvieren.
Also um mal eins klarzustellen; Ich habe absolut nichts gegen gesunde Ernährung, gepaart mit ausreichend Bewegung um Gesund zu bleiben.
Und natürlich muss ich ehrlich zugeben, dass ich Schwierigkeiten mit zu viel Sport und zu wenig Essen hatte und auch immernoch habe.
Das will ich nicht abstreiten.

Ich hab ein Problem damit, dass das heutzutage als normal und erstrebenswert dargestellt wird. Und dass daraus ein Konkurrenzkampf wird. Vor Allem eben im Internet.
Klar, es gibt Menschen, die sind von Natur aus sehr schlank. Aber es gibt nun mal auch mich und dich und viele, viele andere normale Menschen. Und auch Leute, deren Körper sich wohler fühlt, mit ein bisschen mehr auf den Rippen. Und bitte, ein BMI im Normalbereich bedeutet natürlich nicht, dass man fett ist.
und überhaupt...Fett ist keine Schande.
Fett ist ein Organ. Ein wichtiges! Das wird so oft vergessen. In unserem Fett werden lebenswichtige Hormone hergestelt. Nicht umsonst verlieren viele ihre Periode, wenn sie abnehmen. Ja, unser Fett hält uns warm und schützt uns. Haben wir zu wenig Fettgewebe? Tja, dann schüttet unser Körper vermehrt Ghrelin aus, ein Hormon dass uns Hunger verspüren lässt. Schlau, oder ? Unser Körper bewegt uns quasi dazu, einen für sich und seinen Hormonhaushalt gesundes Gleichgewicht zu halten.
Aber darum soll's ja gar nicht gehen.
Mich nervt es, dass 12-Jährige (die verdammt nochmal ihr Leben genießen und ein verdammt  nochmal leckeres Eis im Freibad essen sollen, ohne sich schlecht zu fühlen) unter YouTube-Videos fragen, wie sie ihre Eltern überreden können auf eine HCLF - Diät umsteigen zu dürfen. (HCLF - übrigens eine Ernährung im Sinne von "Viele Kohlenhydrate, wenig Fett" - am besten alles Roh und Vegan)
Vegan leben und sich ernähren ?  Finde ich klasse. Aber nur wenn die Intention dahinter stimmt. Man es wegen der Tiere, dem Wunsch nach Weltverbesserung oder natürlich auch der eigenen Gesundheit macht. Aber weil es ein Trend ist ? Weil es irgendwelche bananenschwingende YouTube-Gurus gibt, mit flachem Bauch und kaum Körperfett, die ein scheinbar ideales, gesundheitsbewusstes Leben führen ?  Immer glücklich und zufrieden sind ?  Natürlich kann man als erwachsener Mensch machen, was man möchte. Und wenn man mit dem, was man da macht ein zufriedenes Leben führt ohen sich zu belügen oder krampfhaft einzuschränken, dann ist das absolut super.
Aber man sieht so viele junge Leute die schreiben, dass sie ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie zu viel oder "das Falsche" essen und die Sport zu einer Art Wettkampf machen.
Ist es nicht irgendwo alles ein Wettkampf? Wer sieht im Sommer am Strand besser aus?
Haben wir eigentlich alle verlernt, uns selbst zu akzeptieren ?
Ich bin ehrlich gesagt so froh, dass dieser ganze Trend noch nicht so war, als das mit meiner Essstörung losging. Denn wohin man auch schaut im Internet, man kann dem Ganzen einfach nicht entkommen.
Und auch für mich ist es unheimlich schwer, einen klaren Kopf zu bewahren wenn man mit gestählten Frauen- und natürlich auch Männerkörpern und Laufapp-Einträgen bombardiert wird.
Das Bild eines vermeintlichen "Normalkörpers" wird im Internet immer mehr in Richtung eines fitten, muskulösen (aber dennoch schlanken) Körpers korrigiert.
Und ich habe es satt mich unbewusst immer zu vergleichen und ein kleines Stück wertloser zu fühlen, weil ich in den Augen der Onlinewelt nicht "perfekt" bin.
Denn ich bin nicht perfekt, sind wir wahrscheinlich alle nicht.
Ich bin keine Heidi Klum, die mittlerweile sowieso so dünn ist, dass es absolut nicht vertretbar ist wie sie mit ihren jungen Mädchen umgeht und ihnen zu verstehen gibt, dass sie doch noch etwas mehr abnehmen und etwas mehr tranieren sollten. Sie ist Mutter. Wünscht sie sich wirklich, dass ihre Kinder ihr in jungen Jahren vielleicht auch hinterhereifern um ihrem verzerrten Schönheitsideal zu genügen?
(An dieser Stelle einen Dank an meine Mutter, die mir nie das Gefühl gegeben hat, dass ich aufgrund meines Aussehens mehr oder weniger wert bin.)

Ich wünschte, wir würden alle anfangen uns in gesundem Maß zu lieben. Ich würde mir wünschen, alle jungen Menschen von heute würden weniger Zeit in oberflächliche Vergleiche und der optimierung ihres Ess- oder Sportverhaltens investieren und mehr leben.
Denn eins kann ich sagen, in den Jahren mit der Essstörung habe ich weniger gelebt und genossen als je zuvor.
Und etwas wichtiges sollte bei alldem nicht Außen vor bleiben, unswar der gesundheitliche Aspekt.
Natürlich war das Schöneheitsideal während der Renaissance, die fülligen sogenannten Rubensfrauen, nicht gerade gesund.
Aber das heißt nicht, dass das streben nach minimalem Körperfettanteil gesünder ist.
Ich hoffe, dass die Leute und auch die Medien langsam verstehen, dass dieser Schlankheitswahn ungesund ist.
Vorallem auch für Jugendliche, die noch nicht vollkommen entwickelt sind und der Körper mehr Energie denn je benötigt.
Und nicht zu vergessen, für die Psyche. Auch die leidet.

Ich wünschte, Essstörungen würden nicht mehr glorifiziert werden.
ich wünschte, wir würden uns für unsere freundliche Art oder unsere Intelligenz lieben.
Nicht für unser Essverhalten und schon gar nicht für unseren stahlharten Sixpack.

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